Workshop des Arbeitskreis Jüdisches Schwaben

Anfang Februar durfte das PKC eine Gruppe ganz unterschiedlicher Leute begrüßen, die lange Wege auf sich genommen hatten, , um beim AKJS-Seminar in Freudental dabei sein zu können. Sie alle sind Menschen, die sich mit jüdischer Kultur und Geschichte auseinandersetzen – es ging um die Arbeit in Museen, Gedenkstätten und Archiven. Da die Aufklärungsarbeit hierbei im Vordergrund steht, muss man auch selbst immer darauf achten, nicht in stereotype Raster zu geraten, wenn es um zum Beispiel um die Beschreibung jüdischen Lebens und jüdischer Geschichte geht. Das war auch das Thema des zweitägigen Seminars mit dem Titel „Das Bild vom Juden“. Genau so plakativ wie sich diese Formulierung anhört wird oftmals jüdische Kultur dargestellt. Unsere Aufgabe ist es, diesen stereotypen Darstellungen des Jüdischseins entgegen zu wirken.

AKJS Workshop at the PKC in Freudental: In February 2023 the PKC welcomed a group of very different people who are all working at places where Jewish culture and history is the focus of attention. The topic of the two day-workshop was how to avoid stereotypical representations of Judaism in the field of educational work. Different speakers presented this topic: Dr. Martin Liepach, who addressed school education and language as pinpoints where stereotypes are formed and shape us. Noemi Goldstein as a Jewish guest spoke of her own experiences with racism and stereotypes concerning Judaism. Elena Jäger presented the results of her bachelor thesis “The importance of learning locations for the development of young people during the Nazi era“ in which she worked out what effects these educational work places have on students.

Im Vortrag von Dr. Martin Liepach über „Das Bild des Juden in Schulbüchern“ wurde deutlich: Stereotype gehören nicht nur der Vergangenheit an, sondern lassen sich noch immer in Lehrmaterialien entdecken. Damit werden sie auch von Lehrerinnen und Lehrern an Schulen weiterverbreitet. Stereotype Darstellungen vom „typisch jüdisch“ aussehenden Mann mit langem Bart und schwarzem Hut in Zeitschriften oder Zeitungen (z.B. DIE ZEIT) sind prägend, wenn auch nur im Unterbewusstsein, wie jemand aussieht, der dem Judentum angehört.

So beschränkt sich zum Beispiel auch die jüdische Geschichte des Schulunterrichts meistens auf die NS-Zeit und prägt somit auch „das Bild des Juden als Opfer“. Dabei hört jüdische Geschichte nicht nach 1945 auf und fängt auch nicht erst 1933 an. Die Anforderung für Schulmaterial, welches entscheidend für die Prägung von Schülern (w/m/d) ist, sollte generell eine Multiperspektivität aufzeigen, auch innerhalb des Judentums. Es gibt immer verschiedene Arten, seinen Glauben auszuleben. Das gilt nicht nur für das Judentum, sondern auch für alle anderen Religionen. Eine Frage in der anschließenden Diskussion war, ab welchem Alter man Multiperspektivität vermitteln kann und soll? Reicht es wirklich, dies nur in der Oberstufe zu vertiefen oder könnte man auch schon früher mit einem diversen Blick Inhalte vermitteln? Könnte damit eine eindimensionale Sicht auf das Judentum verhindert werden?

Arbeitsphase in der ehemaligen Synagoge

Sprache prägt ebenfalls unsere Wahrnehmung. Wie wir uns ausdrücken, welche Worte wir verwenden oder auch historische Hintergründe eines Wortes beeinflussen unsere Denkweise. „Von Nazis schikaniert… Sieben Mitglieder sind aufgrund ihrer Rasse, politischer Überzeugung oder ihrer Religion durch das Nazi-Regime ermordet worden.“ Dieser Text lässt sich auch heute noch so im Bayern München-Museum auf einer Tafel finden. Die entsprechende Tafel ist eingeordnet in die Zeitepoche „1933 – 1965“, da Bayern erst 1965 in die Bundesliga aufgestiegen ist. Nicht nur die missverständliche Zeiteinordnung verfälscht hier das Bild der Verfolgungsgeschichte der jüdischen Bevölkerung. Auch die Abschwächung der Verbrechen des NS-Regimes an den Juden durch das Wort „schikanieren“ ist hierbei fraglich, genauso wie „die Rasse“ als Grund der Verfolgung. Auch heute noch kommen wir schnell mit unserer Sprache an Begrifflichkeiten, die diskriminieren, die etwas ganz anderes ausdrücken als vielleicht gewollt.

Klischees waren ein weiteres großes Thema des AKJS-Workshops. Schnell kommt man hierbei auf Begriffe wie Ghetto, Geld, Geldverleih oder auch gelber Fleck, wenn man an Juden denkt. Um diesen Klischees entgegen zu wirken, braucht es nicht nur diverse Perspektiven in Lernmaterialien. Natürlich muss auch die Lehrkraft auf diese Diversität hinarbeiten. Zum Beispiel durch Arbeit mit Überthemen, um jüdisches Leben zu beschreiben, anstatt sich nur auf einen Bereich zu beschränken. Aktuelle Kontexte können hierbei oft auch helfen, jedoch nur wenn sie auch tatsächlich aktuell sind, also am besten direkt von der Lehrkraft genannt werden, da Bücher schnell ihren aktuellen Bezug verlieren können. Wenn man all dies beachten würde, so würde nicht so schnell ein idealisiertes Bild von Judentum in den Köpfen der Schüler entstehen.

Noemi Goldstein, eine Referentin, die selbst jüdisch ist, betonte dieses Bild einer diversen jüdischen Kultur ebenfalls in ihrem abendlichen Vortrag. Ihre Eltern kamen aus der ehemaligen Sowjetunion, in welcher das Praktizieren der jüdischen Religion verboten war. Deshalb haben viele dieser Einwanderer keinen religiösen Hintergrund. Noemi erzählte, dass es ihr erst durch ihr Eigeninteresse am jüdischen Glauben hier in Deutschland gelungen ist, jüdische Bräuche und Riten ins Familienleben einzuführen. Sie berichtete von Erfahrungen der Diskriminierung in der Schule: „Hitler hätte dich umbringen sollen“. An solchen Aussagen erkennt man, dass Judenfeindlichkeit leider nicht nur eine Sache der Vergangenheit ist. Für Noemi ist Erinnerung wichtig, da man sonst die Fehler der Vergangenheit wiederholt. Judentum ist für sie nicht nur eine Religion, sondern eine Zugehörigkeit, eine Kultur für sich.

Am zweiten Tag des Seminars ging es mit dem Thema: „Vorurteile und Stereotypen über Juden“ weiter. Hier hatten die Teilnehmer vor allem die Gelegenheit, sich miteinander auszutauschen. Welche Erfahrungen hatten Teilnehmende bereits mit Stereotypen bei Führungen gemacht? Wieder wurde deutlich, dass beispielsweise Geld und Judentum oft in Zusammenhang gebracht wird: „Juden haben genug Geld“ oder „Juden sind selbst dafür verantwortlich, sich um die Erinnerung an die Vergangenheit zu kümmern.“

Diese Aussagen waren allen Teilnehmenden in dieser oder ähnlicher Form bekannt; sie lassen sich oft nur schwer ändern, wenn dieses „Bild eines Juden“ bereits gefestigt im Kopf verankert ist. Mögliche Gründe hierfür könnten unter anderem Neid oder auch der Vorwurf sein, dass Juden aus ihrer Opferrolle Kapital schlagen wollen. Die Aufgabe von Einrichtungen ist es eben gerade, gegen diese Vorurteile zu kämpfen und aufzuklären, darin waren sich alle Versammelten einig.

Elena Jäger, ehemalige FSJ’lerin im PKC, präsentiert ihre Bachelorarbeit

Was für eine Wirkung diese Lernorte auf Schüler haben hat Elena Jäger in ihrer Bachelorarbeit „Die Bedeutung von Lernorten für die Entwicklung von Einstellungen Jugendlicher zur NS-Zeit“ herausgearbeitet. Für ihre Arbeit untersuchte Elena eine Gruppe von Jugendlichen, die an einem Antirassismus Workshop im PKC teilnahmen.
Ihr ging es vor allem darum, herauszufinden, wie sich die Einstellung und Wahrnehmung der Teilnehmer durch den Besuch im PKC als Lern- und Gedenkort verändert. Welchen Einstellungen und Meinungsbilder bringen die Teilnehmer mit? Welche Meinungsveränderung lassen sich bei den Teilnehmer nach dem Aufenthalt im PKC feststellen, gerade wenn es darum geht, die Aufgabe und Bedeutung eines solchen Lernortes zu erkennen? Auf diese Fragen findet Elena eine Antwort und präsentierte ihre Ergebnisse denTeilnehmern (w/m/d) des Workshops. Diese Bachelorarbeit kann man übrigens nachlesen.

Im Anschluss beschäftigte man sich mit den Inhalten der Genisa-Ausstellung im PKC, gerade mit dem Hintergrund, Stereotype bei der Präsentation und Auseinandersetzung mit den verschiedenen Inhalten zu vermeiden. Kleine Gruppen suchten sich einen Gegenstand heraus, erarbeiteten dazu in einer Gruppenarbeitsphase eine Kurzpräsentation und stellten diese den anderen vor. Es war interessant zu sehen, auf welchen verschiedenen Ebenen sich ein Gegenstand untersuchen lässt. Zum Beispiel kann man nicht nur über den primären Inhalt einer Buchseite Aussagen über die Lebensweise der Freudentaler Juden treffen. Es lassen sich alleine durch die Komposition dieser Buchseite einige Hypothesen über die Zeit, über die Rolle der Frau oder auch den damaligen Zeitgeist der Gesellschaft machen.

Gruppenarbeit im Glaszelt

Zum Abschluss des Seminars gab es noch eine Feedback-Runde. Insgesamt waren sich alle einig, dass dies ein gelungener zweitägiger AKSJ-Workshop war, der wirklich eine Fortsetzung verdient.

Im Newsletter 9 (Frühjahr 2023) des Gedenkstättenverbunds Gäu-Neckar-Alb berichtete Dr. Martin Ulmer wie folgt: Workshop „Bild vom Juden“ Anfang Februar 2023 fand im Pädagogisch-Kulturellen Centrum, ehemalige Synagoge Freudental (PKC) ein zweitägiger Workshop statt, der vom Arbeitskreis Jüdisches Schwaben, dem PKC, der Landeszentrale für politische Bildung und dem Gedenkstättenverbund veranstaltet wurde. Einige Mitarbeiterinnen aus dem Kreis unserer Synagogengedenkstätten nahmen teil. Thema war das Bild vom Juden und neue Ansätze in der Vermittlungsarbeit in Gedenkstätten. Der Bildungsexperte Dr. Martin Liepach vom Fritz-Bauer-Institut Frankfurt stellte das problematische Bild vom Juden in der deutschen Öffentlichkeit vor und legte danach den Schwerpunkt auf die Präsentation in Schulbüchern. In Deutschland existieren verschiedene Stereotype, darunter die ikonografische Anne Frank und die religiösen jüdischen Figuren in Medien und das verbreitete Schimpfwort „Du Jude“ in Schulen. Es dominiert die Wahrnehmung der jüdischen Bevölkerung als Opfer, als fromme Gruppe oder als Repräsentanten von Israel. In Schulgeschichtsbüchern handeln rund 80 Prozent der Inhalte zur Jüdische Geschichte von der Verfolgung der Juden (besonders der NS-Zeit). Juden werden aus der Perspektive von Täterdokumenten betrachtet und jüdische Aussagen und Quellen werden kaum berücksichtigt. Im Mittelpunkt steht die Wiedergabe von passivem statt aktivem Handeln.

Bereits bei der Darstellung der Juden im Mittelalter und frühen Neuzeit herrschen die drei Gs vor: Ghetto, Geld und gelber Fleck. So zeigt ein bekannter Holzschnitt aus dem 16. Jahrhundert einen bärtigen Juden mit Geldmünzen und Geldsack. Diese Abbildung reproduziert die Assoziation von Juden mit Geld. Eine ergänzende Textquelle im gleichen Schulbuch spricht gar von Wucher, der als Grund für die Ausschreitungen und Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung genannt wird. Auch in Schulpublikationen, die den Antisemitismus heute im Vergleich zu früher behandeln, werden stark judenfeindliche Visualisierung über Israel und jüdische Verschwörer gezeigt, deren Hassbotschaften gerade das Gegenteil von Einsichten und Distanzierung bewirken können. Juden sind Fremde und verkörpern die Anderen, sie sind nicht Teil der deutschen Geschichte. Für den Unterricht wie auch für Gedenkstätten, Museen und Medien stellte Liepach mehrere Essentials auf. Auf der Basis von Sensibilität und Wissenschaftlichkeit gehört dazu u.a. die Multiperspektivität (Verwendung vón jüdischen Quellen und Sichtweisen), die Vermittlung von Kontextwissen, Empathie, Verstehen und Verständnis, die Multidimensionalität (z.b. Gleichstellung von Juden und Christen) sowie der Gegenwartsbezug (Vermittlung von jüdischem Leben heute, Zivilcourage) Die dringende Aufgabe von Museen und Gedenkstätten ist den stereotypen Bildern vom Juden entgegen zu wirken und die Vielfalt jüdischer Lebenswelten darzustellen. Ein Anregung dazu bietet u.a. die digitale Ausstellung, die Martin Liepach empfiehlt: Tolerant statt Ignorant –eine virtuelle Ausstellung https://www.tolerant-statt-ignorant.de. Am zweiten Tag stand vor allem die zeitgemäße Präsentation der Genisafunde zur Synagogengemeinde Freudental im Mittelpunkt, die auf der Frauenempore im PKC ausgestellt sind.

Genisa ist der Ablageort für gebrauchte religiöse Schriften und Gegenstände, in der Regel auf dem Dachboden oder im Gebälk der Synagogen. Zuweilen tauchen auch profane Dokumente wie Rechnungen, Konzessionen etc. auf. Alle überlieferten Schriftstücke sind eine Quelle für die reale Geschichte des jüdischen Lebens und ein Spiegel der Religions-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Juden in Freudental. Beim Workshop präsentierten die Arbeitsgruppen für die Genisa-Funde neue Ideen und Konzepte. Dabei waren die Erkenntnisse aus dem ersten Teil des Workshops zum problematischen Bild vom Judentum hilfreich. Religiöse Abbildungen und Bibelstellen können auf den Entstehungs- und Gebrauchskontext der Druckschriften und auf die Religionspraxis der jüdischen Gemeinde im 18. und 19. Jahrhundert hinweisen. Farbige Darstellungen und kleine allgemeinverständliche Texte fördern die Neugier auf die Dokumente. Ein QR-Code könnte das Wissen vertiefen. Rechnungen und andere Handelsdokumente zeugen von den sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnissen der jüdischen Bevölkerung und dem Umfeld. Viele Themen wie Handelsorte, Reichweite der Handelsbeziehungen, Armut und Reichtum, Geschlechterfragen, materielle Kultur und Beziehungsgeschichten mit der nichtjüdischen Umwelt lassen sich über die Dokumente erschließen. Die Genisot hat ein großes Präsentationspotential in der Vermittlung von Inhalten, wenn diese durch analoge und digitale Konzepte für Jugendliche wie für Erwachsene spannend gestaltet werden. Denn solche Visualisierungen werden in Museen und Gedenkstätten im Vergleich zu Objekten immer wichtiger.

Zum Abschluss stellte die junge Wissenschaftlerin Elena Jäger die Ergebnisse ihrer Bachelorarbeit „Die Bedeutung von Lernorten für die Entwicklung von Einstellung Jugendlichen zur NS-Zeit“ vor. Die frühere Absolventin eines Freiwilligen Kulturellen Jahrs in der PKC Freudental hat eine Gruppe Jugendlicher zwischen 15 und 19 Jahren mit Migrationshintergrund im PCK teilnehmend beobachtet und ein Teil danach befragt. Auch wenn das Setting relativ klein war, sind die Resultate doch interessant. So war die NS-Zeit nicht das Hauptinteresse des Besuchs, sondern eigene lebensweltliche Diskriminierungserfahrungen. Der Besuch löste Einstellungsänderungen durch die freundliche Atmosphäre, durch die sympathische und offene Vermittlungsperson und das affektive Wahrnehmen des jüdischen Friedhofs aus, wodurch ein Raum zum selbstständigen Denken eröffnet wurde. Diese Einstellungsentwicklung am Lernort PKC förderte Demokratiefähigkeit, Zivilcourage und Widerständigkeit bei der Persönlichkeit der Jugendlichen. In Zukunft geht es an progressiven Lernorten also nicht mehr um Erinnern-Müssen, sondern um Erinnern-Wollen mit Lebensweltbezug. Gefragt sind bei Jugendlichen das Zulassen individuellen Erinnerns und keine moralischen Botschaften.