5. FSJ Kultur 2019/20

Für ihr eigenverantwortliches Projekt „FLUCHTPERSPEKTIVEN“ organisierte Emma Schmid ein Wochenende für Jugendliche im PKC, bei dem die Flucht der Suse Underwood mit einem Kindertransport zusammen mit ihren Nachfahren verarbeitet und zur Erinnerung an sie ein Baum gepflanzt wurde. Eigentlich sollte eine Exkursion nach London folgen, aber die Corona-Pandemie hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wir hoffen, diese Reise auf den Spuren von Suse Underwood im Sommer 2021 nachholen zu können.

Von 1938 bis 1939 wurden 10.000 jüdische Kinder mit „Kindertransporten“ nach England gebracht. Die Briefe, die sie nach Hause schrieben, durften nur 25 Wörter enthalten.“

Hier folgt ein längerer Bericht von Emma:

Ziel des Projekts „FLUCHTPERSPEKTIVEN“ war es, das Thema „Flucht“ theoretisch und praktisch zu verstehen. Wir begannen im Heute und näherten uns den Fluchtperspektiven zunächst durch den Sucher der Kamera. Durch die Beschäftigung mit der Fotografie gestalteten wir einen methodischen roten Faden, der sich durch das ganze Projekt zog.

Erstes Wochenende im November 2019

Mit der Hilfe einer 19jährigen jungen Erwachsenen, die seit einem Jahr als Geflüchtete mit ihrer Familie in Freudental wohnt, haben wir eine aktuelle Perspektive auf das Thema „Flucht“ kennengelernt. Sie betrachtete unsere Fotos zum Thema und erzählte uns, inwiefern sie sich darin wiederfinden konnte, beziehungsweise welche Fotos überhaupt nicht in ihr Bild von Flucht passen. Es entstand ein sehr inspirierender Austausch über das Thema, welcher grundlegend für die Gedenkveranstaltung im März werden sollte. Damit näherten wir uns von einer anderen Richtung an die Kindertransporte an, die vor 80 Jahren stattgefunden haben. Damals wurden 10.000 jüdische Kinder aus Nazi-Deutschland per Zug nach England gerettet. Auch die Freudentaler Zeitzeugin Suse Underwood, die erst im letzten Sommer gestorben ist, war unter ihnen.

Zweites Wochenende im März 2020

Im Frühjahr haben wir Suse Underwoods Nachfahren, die in Südengland wohnen, für ein Wochenende nach Freudental eingeladen und mit ihnen gemeinsam die Spuren der Kindertransporte und die Umstände der Flucht ihrer Mutter bzw. Großmutter erforscht. Auch hier haben wir noch einmal in der großen Runde mit der uns schon bekannten jungen Geflüchteten diskutiert. Nach diesem sehr eindrücklichen Gespräch spielten die Teilnehmer eine Runde „Ich packe meinen Koffer!“, nur dass die für eine Flucht eingepackten Gegenstände in auf große Plakate gezeichnete Koffer gemalt wurden.

Ganz am Ende wurden die Ergebnisse verglichen  und schnell fiel auf, dass sich die eingepackten Gegenstände in vier große Kategorien einteilen ließen: Geld und wichtige Dokumente, Gegenstände mit emotionalem Wert, praktische Gegenstände, Gegenstände, mit welchen man neue soziale Kontakte herstellen kann. Im Anschluss an diesen sehr arbeitsintensiven ersten Abend saß die Gruppe noch in geselliger Runde bei Spielen und Getränken beisammen.

Am Samstagmorgen widmete sich die Gruppe den Kindertransporten von 1938/39. Eine Power-Point-Präsentation machte den Anfang mit den wichtigsten Informationen, danach wurde eine Zusammenfassung von Suse Underwoods ganz persönlichen Erinnerungen an ihren Kindertransport im Januar 1939 gelesen. Am Schluss wurde der Fluchtweg von Suse, welcher von Heilbronn bis nach London knapp 1000 km misst, mithilfe von Kreppband auf den Boden der Synagoge geklebt.

Nun folgte die größte Aufgabe des Tages: In Zweiergruppen sollten Fotos der Szenen entstehen, die die Teilnehmer vor ihrem inneren Auge gesehen hatten, während sie die Erzählung Suses gelesen hatten. Die Jugendlichen gingen sofort ans Werk und nach nur einer halben Stunde konnte man großartige Ergebnisse bestaunen. Das Besondere hierbei fiel aber erst später auf: auf allen Fotos hatten die Nachfahren von Suse ihre Mutter und Großmutter dargestellt!

Zum Schluss sollte noch eine Idee für die Veranstaltung am nächsten Tag geboren werden, doch dank der großen Kreativität der Teilnehmer war das schnell geschafft. Man teilte die 20 Minuten, die es zu gestalten galt, in drei Teile:

  • GESTERN: Präsentation der Fluchtbilder, die am Vortag gemacht wurden.
  • HEUTE: Flucht ist auch heute noch ein aktuelles Thema!
  • MORGEN: Was würden wir einpacken, wenn wir morgen flüchten müssten?

Bis spät in die Nacht wurde überlegt, wer welchen Part übernehmen könnte, kleine Texte wurden geschrieben und eine Power-Point-Präsentation entstand. Wichtig war vor allem, dass jeder aus der Gruppe einen Beitrag zum Vortrag leistete und wesentlich war auch, das Gelernte gut einzubinden – auf möglichst kreative Art und Weise.

Die Gedenkveranstaltung am letzten Tag lief prima. Nach drei sehr spannenden Vorträgen und viel Applaus von einem bunten Publikum machten sich alle Gäste gemeinsam auf den Weg zum Garten der Erinnerung. Dort wurde zusammen mit Herrn Bürgermeister Alexander Fleig feierlich ein Apfelbaum für Suse Underwood gepflanzt – dies war der emotionale Höhepunkt der Veranstaltung, da vor allem die Nachfahren aus England sehr berührt von dieser Geste waren.

Exkursion nach London im August 2020

Geplant war es, mit den Jugendlichen der beiden vorangehenden Veranstaltungen entsprechend der Fluchtroute von Suse Underwood mit der Bahn und der Fähre von Stuttgart aus bis nach London zu reisen. Aufgrund der COVID-19-Pandemie musste die Reise leider abgesagt werden.

Stattdessen traf sich ein Teil der Gruppe am 1. August in Freudental, um mit den Nachfahren einen Video-Anruf durchzuführen und eine virtuelle Führung durch die Wohnung von Suse Underwood zu erhalten. Ausführlich wurden die vergangenen Termine reflektiert und dabei betonten alle, wie gerne sie jetzt gemeinsam in London wären. Das, was vom Thema „Fluchtperspektiven“ dort noch sichtbar und darstellbar ist, hätten wir fotografisch festgehalten und dokumentiert.

Mit diesem Projekt haben wir junge Menschen für das Thema „Flucht“ sensibilisiert und auch dafür, dass dies leider immer aktuell geblieben ist. Es ging um einen erlebten Zugang zur Vergangenheit und nicht um „Geschichte aus dem Geschichtsbuch“. Gleichzeitig fanden Begegnungen statt, bei denen durch die eigenen Fotos, die dann auch im PKC präsentiert wurden, das Erfahrene verarbeitet und interpretiert wurde. Das Team des PKC hofft, damit langfristig Jugendliche für die besondere Erinnerungsarbeit vor Ort zu interessieren.