1000 Jahre Begräbniskultur und der jüdische Friedhof in Freudental

Hier finden Sie eine Zusammenfassung des Vortrags, den Nathanja Hüttenmeister am Sonntag, den 3. Oktober 2021 in der Ehemaligen Synagoge Freudental und auf dem jüdischen Friedhof gehalten hat.

Im ersten Teil Ihres Vortrags hat die Judaistin in einem raschen Durchlauf die digitale Datenbank „epidat“ sowie einige Besonderheiten des Freudentaler jüdischen Friedhofs vorgestellt. Interessant am Freudentaler Friedhof ist die fast durchgängige Trennung zwischen Reihen mit Frauengräbern und Reihen mit Männergräbern. Und es gibt einen typischen „Freudentaler Stil“, der sich an der häufigen Verwendung von besonderen Symbolen ablesen lässt:

Das Strahlenornament, welches manchmal sogar als göttliches Auge mit Sonnenstrahlen ausgeführt ist (Hinweis auf die göttliche Allgegenwart) könnte auch ein Sonnensymbol als Zeichen der Wiederauferstehung sein oder auf die Französische Revolution mit den Grundgedanken der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit hinweisen. Die Referentin bevorzugt aber die Deutung, dass es eher eine „Modeerscheinung“ zu Beginn des 19. Jahrhunderts war und hier in Freudental einfach häufig als Grabsteinschmuck ausgewählt wurde.

Ein weiteres rundes Ornament oder ein Stern oder Kranz mit innenliegendem Stern taucht ebenfalls in Freudental besonders häufig auf, vermutlich entsprach es dem aktuellen Zeitgeschmack. Bei solchen Ornamenten müssen wir gut darauf achten, nicht unsere heutige Kenntnis von z.B. dem in der Sowjetzeit oft verwendeten fünfzackigen Stern zur Interpretation oder Analyse hinzuzuziehen. Denn damals war dies noch nicht bekannt, folglich auch nicht mitgedacht.

Nach einer kurzen Pause mit Kaffee und Hefezopf ging es trotz leichten Nieselregens weiter zu dem sehr spannenden Vortragsteil „in situ“ – also vor Ort auf dem seit 1811 belegten jüdischen Friedhof.

Für das Judentum endet das Mittelalter 1519 mit der Vertreibung der Juden aus Regensburg; danach beginnt die Frühe Neuzeit, gekennzeichnet durch die Zerstreuung oder „Atomisierung“ des jüdischen Lebens. Von wenigen Zentren abgesehen gab es nur kleine und kleinste jüdische Ansiedlungen über das Land verstreut. Mancherorts dauerte es Jahrhunderte, bis daraus wieder funktionierende Gemeinden entstanden. Friedhöfe befanden sich nie innerhalb von Siedlungen, das ist ein jüdisches Gebot der Halacha (Sammlung der jüdischen Rechtsgrundsätze).

Die Grabsteine und der Grabort gehören den dort Begrabenen auf ewig, deshalb nennt man den Friedhof auch „Beth Haolam“. Jüdische Gräber bestehen für die Ewigkeit, eigentlich bis zum jüngsten Gericht. Die Leichname werden nur in zwei Fällen umgebettet:

  1. Umzug nach Israel, um auf dem Ölberg zu liegen und bei der Wiederkehr des Messias direkt dabei zu sein.
  2. Wenn keine andere Möglichkeit besteht, die Gräber zu erhalten.

Die Christen haben die mittelalterlichen jüdischen Grabsteine jedoch genommen und symbolisch wiederverwendet, um damit den Sieg des Christentums über das Judentum zu zeigen, z.B.

  • in und um Regensburg: Dort wurden Grabsteine in Gebäude eingemauert zum Gedenken der Vertreibung der Juden.
  • im Ulmer Münster: Ein umgedrehter jüdischer Grabstein ist der Stiftungsstein des Münsters.
  • in Parchim: Hier liegen jüdische Grabsteine als Stufen und symbolisieren den Sieg der Ecclesia über die Synagoga, weil man über sie hinweg in die christliche Kirche geschritten ist.

Mittelalterliche jüdische Grabsteine sind eigentlich nur auf dem Wormser Heiligen Sand und auf dem alten jüdischen Friedhof in Frankfurt (Battonnstraße) erhalten, alle anderen sind in Gebäuden verbaut worden. In Würzburg wurden in den 1980er Jahren beim Abriss eines historischen Gebäudes, nämlich einer Kloster-Erweiterung, 1500 jüdische Grabsteine aufgefunden. Sie sind im dortigen Museum „Shalom Europa“ dokumentiert und gelagert, teilweise auch ausgestellt.

Die mittelalterlichen jüdischen Friedhöfe wurden auch nach der Vertreibung aus den Städten mit jüdischen Gräbern weiterbelegt (sofern die Friedhöfe noch existierten). Die seit dem 16./17. Jahrhundert neu angelegten Friedhöfe waren typischer Weise auf landwirtschaftlich nicht oder schlecht nutzbarem Boden, z.B. in Sümpfen oder an Berghängen gelegen, also an unbrauchbaren und manchmal sogar unheimlichen Orten wie Hinrichtungsstätten, Ruinen, keltischen und römischen Kultstätten. Deshalb gab es auch – vor allem in Süddeutschland – Verbandsfriedhöfe, die viele Gemeinden der größeren Umgebung gemeinsam nutzten, weil es für schwierig war, eigene Friedhöfe anzulegen bzw. überhaupt Grundbesitz zu bekommen, und das bedeutete im Falle eines Friedhofs „dieses Land auf ewig“ zu erwerben.

In jüngerer Zeit besserte sich die Situation, im 19. Jahrhundert lagen Friedhöfe oft wieder deutlich besser, nahe an den Siedlungen. Unser Freudentaler Friedhof ist ein Mischfall, da er relativ weit entfernt ist vom Dorf und bereits außerhalb der Freudentaler Gemarkung liegt. Ob die Bönnigheimer Herrschaft an den Bestattungen der Freudentaler Juden verdient hat, ist noch nicht erforscht. Erst mit der Emanzipation, der bürgerlichen Gleichstellung 1864, durften Juden Grundstücke erwerben. Sie wollten die kommunalen (christlichen) Friedhöfe nicht mitbenutzen, weil dort das ewige Liegerecht nicht gewährleistet wurde.

Deutsche Sprache: Um 1800 findet man erste deutsche Grabinschriften in Berlin, die jedoch mit hebräischen Buchstaben notiert werden. Um 1810 entstehen erste in lateinischer Sprache notierte Inschriften. Sogenannte „Austrittsgemeinden“ wollten diese Hinwendung zur Modernität und Assimilation nicht mitmachen und forderten die Beibehaltung der hebräischen Inschriften. Dies führte zur Anlage eigener Friedhöfe oder besonderer Grabfelder für die Mitglieder dieser Austrittsgemeinden.

Typischer Weise wurden die Steine des Freudentaler Friedhofs aus Sandstein und Muschelkalk gehauen und von christlichen Steinmetzen bearbeitet, das erkennt man andernorts manchmal an Fehlern im Hebräischen. Seit spätestens Mitte des 19. Jahrhunderts gibt es einen starken Einfluss der Umgebungskultur. Für die Grabsteine gab es dann bereits Musterbücher bei den Steinmetzen, deshalb werden auch zeitmodische Ornamente und neue Steinsorten (insbesondere Hartsteine wie z.B. schwarze Obelisken, die nach 1860 mit der neu gebauten Eisenbahn ankamen) auf den jüdischen Friedhöfen sichtbar – dies entsprach mancherorts auch dem gestiegenen Repräsentationsbedürfnis.

Juden haben – zumindest in Deutschland – nie ihre Friedhöfe verfallen lassen! In Mainz wurden den großen Gelehrten nach der Vertreibung und Rückkehr der jüdischen Gemeinde im Mittelalter wieder neue Grabsteine errichtet. Auch aus späterer Zeit gibt es viele Beispiele von restaurierten und ersetzten Grabsteinen. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gibt es erste Friedhofs-Dokumentationen, weil man diese Orte von jüdischer Seite  als Kulturdenkmale wahrnimmt und schon wissenschaftlich erforscht – Beispiel dafür ist Leopold Zunz, Begründer der „Wissenschaft des Judentums“.

Es gab unter den Nazis [aber auch vorher und hinterher] auf jüdischen Friedhöfen oft Schändungen, meistens ganz einfach zur Materialgewinnung. Sämtliches Metall wurde entwendet und eingeschmolzen, Steine wurden geraubt, z.B. auch für den Bau der königlichen Fasanerie auf dem Standort des früheren Freudentaler jüdischen Friedhofs. Leider gab es auch oft „einfachen“ Vandalismus.

Für die Ablage der kleinen Steine auf den Grabsteinen gibt es keine wissenschaftliche Erklärung, es ist aber ein uralter Brauch, um das Grab auf ewig zu kennzeichnen, damit es bis zum Ende der Zeiten nicht vergessen wird. Diese Tradition stammt aus der Wüste, weil die Begräbnisorte durch diese Steinhügel weithin sichtbar bleiben. Wichtig ist auch, dem Namen des Verstorbenen ein ehrendes Andenken zu bewahren.

Eigentlich ist die Schrift vorherrschendes Gestaltungsmerkmal der jüdischen Grabsteine. Das älteste Symbol auf einem Grab ist eine Blume für eine „Frau Blume“, die im 14. Jahrhundert (1365) auf dem Speyrer Friedhof beerdigt worden ist. Ab dem 16. Jahrhundert findet man mit der Levitenkanne und den segnenden Priesterhänden erste jüdische Symbolik, nämlich Abstammungssymbolik. Die Leviten waren die Tempeldiener und wuschen den Priestern, die unter anderem für die Durchführung der Opferungen zuständig waren, vor dem Segen über die Gemeinde die Hände. Dafür steht die Kanne, deren Form sich auch mit der Mode der Zeit vom Waschkrug zum Trinkgefäß, dann wieder zu antikisierenden Darstellungen verändert hat. Die segnenden Hände in der charakteristischen Fingerhaltung stehen für die Kohanim, den Priesterstamm.

Später kommt auch das Schofar hinzu, welches an den hohen Feiertagen Rosch Haschana und Jom Kippur geblasen wird. Das Schofarblasen ist ein Ehrenamt und schwierig durchzuführen. Das Schofarhorn kann jedoch auch für die Auferstehung am jüngsten Tag stehen, denn da wird sein Ton wieder erschallen. Weitere Amtssymbole sind das Beschneidungsmesser für den Mohel (den Beschneider, ein Ehrenamt) oder eine schreibende Hand für den Sofer (den Tora-Schreiber).

In Osteuropa finden wir häufiger den siebenarmigen Leuchter, die Menora, als typisch jüdisches Symbol auf den Grabsteinen. Das gibt es in Freudental gar nicht. Und die Kerzensymbolik mit Leuchtern und Lichtern auf Grabsteinen – zwei Kerzen können auch einfach für eine Frau stehen, die am Schabbat die Lichter entzündet und den Segen über die Schabbatbrote spricht – kommt erst mit der Rückwanderung der Ostjuden bei uns hier an. In Freudental gibt es zwei Grabsteine mit aufgesetztem „ewigen Licht“, dies entspricht dem ewigen Licht im Tempel.

Ein Buch steht für Gelehrsamkeit, aber auch für Frömmigkeit. Hierbei wird insbesondere an die Meditation der der Psalmen, der Tehillim, und an ausgiebiges Tora-Studium erinnert. Dann gibt es noch so genannte Vanitas-Symbole, die für die Vergänglichkeit stehen, sind z.B. eine gebrochene Blume oder eine gebrochene Säule. Rabbiner bekommen oft sehr lange und ehrende Inschriften, manchmal liegen sie sogar in einer eigenen Ehrenreihe – dies ist jedoch in Freudental nicht der Fall.

Zur Namenssymbolik: Aus dem Segen Jakobs über seine Söhne (Genesis 49,1-28) und den darin verwendeten Attributen und Zuschreibungen für die 12 Stämme werden im 19. Jahrhundert folgende deutsche Namen abgeleitet:

Jehuda – da Jakob seinen Sohn Jehuda mit einem tapferen Löwen vergleicht, wird dieser Vorname oft zu Löwe, Löw, Leib oder Levi, Leopold, Louis.
Issachar – der Esel als Symbol für Geduld wird im Deutschen zu (einem geduldigen) Bär oder in anderen Schreibungen Ber, Berle, Berend und Bernhard.
Naftali – der Name wird zu Hirsch, Hersch, Hirz, Herz und Hermann.
Benjamin – aus Benjamin bildet sich Seew oder Wolf.

Es gab wohl auch Holzgrabsteine für Kinder oder unverheiratet und ohne Nachkommen gestorbene Juden. Man nimmt an, dass Armut dafür ausschlaggebend war oder dass das erste Gebot der Tora „Seid fruchtbar und mehret euch“ von den Verstorbenen nicht erfüllt wurde bzw. nicht erfüllt werden konnte.

Spätestens seit dem 18. Jahrhundert gab es Kompendien mit Gebeten und Gebräuchen rund um Tod und Trauer, Krankenversorgung und Beisetzungen. Diese „Sifrei Chajim“ oder „Bücher des Lebens“ waren vor allem im 19. Jahrhundert sehr beliebt und verbreitet und enthielten auch Musterinschriften für Grabsteine. Diese Bücher waren in hebräischen Buchstaben auf Deutsch geschrieben und das konnten auch die Frauen lesen.

Viele Juden konnten damals nicht mehr richtig Hebräisch verstehen, man hielt aber an hebräischen Inschriften fest, denn hebräische Grabinschriften enthielten oft Zitate aus der Tora, aus dem Talmud und aus der Liturgie und waren mit Wortspielen, Reimen, Akrosticha und Chronogrammen ausgeschmückt, mit denen die Verstorbenen geehrt wurden. Gleichzeitig wurde damit die hohe Kunstfertigkeit der Verfasser bewiesen. Diese komplexe Fertigkeit schwand jedoch immer mehr und wurde im 20. Jahrhundert nicht mehr allgemein verstanden.

Auf allen Grabinschriften steht oben „Po Nikbar“ für „Hier ruht“ (oder eine ähnliche Einleitungsformel) und unten ein Schlusssegen, meist mit einem Zitat aus 1 Sam 25,29 „Seine/Ihre Seele möge eingebunden sein in das  Bündel des ewigen Lebens“. Die Toten sollen so schnell wie möglich bestattet werden, oft noch am gleichen Tag.

Das übergroße Grabmal von Hayum Löb Horkheimer aus dem Jahr 1835 trägt hinten eine deutsche Inschrift. Es ist die erste deutsche Inschrift in Freudental – ziemlich früh für so eine kleine Gemeinde. Horkheimer war wohl Anhänger der bürgerlichen Assimilation und des Reformjudentums – gegen den damaligen Rabbiner Schnaittacher. Die hebräische Inschrift vorne lobt seine Standhaftigkeit und dass er sich nicht von seinen (religiösen) Ursprüngen entfernt hat.

Am Grab von Isidor Manasse fällt auf, dass im oberhalb stehenden deutschen Text nicht so klar auf den Krieg hingewiesen wird wie im unterhalb stehenden hebräischen Text. Er starb 31jährig an den Folgen seiner im I. Weltkrieg erlittenen Verletzungen. Daher ist er auch in Freudental begraben; dies ist eher selten, da die meisten Soldaten nicht an den Heimatorten bestattet werden konnten.

Michael Volz, Leiter für Pädagogik & Kultur