Sommerferien: Fotorallye „Schlamasseltov“

Kinder betrachten einen Grabstein auf dem jüdischen Friedhof in Freudental

Am 7. und 8. September 2026 machten sich fünf Kinder im Rahmen unseres Kinderferienprogramms auf eine ganz besondere Entdeckungstour durch Freudental. Gemeinsam waren wir auf den Spuren jüdischen Lebens und vieler spannender Geschichten unterwegs. Mit dabei hatten wir große Plakate der Kulturregion Stuttgart mit jiddischen Sprüchen und Redewendungen. Unsere Aufgabe: Orte in Freudental finden, zu denen diese Sprüche passen. Dort stellten wir die Plakate auf, knipsten ein Gruppenfoto und lauschten den Geschichten, die sich dahinter versteckten.

Zum Start führte uns der Spruch „Ich lieb mein Kaff“ zum großen Thema Heimat. Was bedeutet Heimat eigentlich für uns? Und was bedeutete es für die Jüdinnen und Juden, die hier über Generationen hinweg lebten? Wir sprachen darüber, was einen Ort zur Heimat macht – Menschen, Erinnerungen, vertraute Wege und das Gefühl, dazuzugehören. Das wurde besonders deutlich auf dem jüdischen Friedhof, wo wir das Gedicht „Mein kleines Dorf“ von Julius Marx hörten.Bei „Jetzt aber mal Tacheles!“ ging es ums Klartextreden. Wir erfuhren von Menschen, die auch nach 1933 den Mut hatten, offen ihre Meinung zu sagen und sich gegen Unrecht zu stellen. Gleichzeitig fragten wir uns: Warum haben andere geschwiegen? Und wie viel Mut braucht es manchmal, Tacheles zu reden?

Dann hieß es: „Glaub nicht jeden Schmu!“ Ausgerechnet mit diesem Spruch landeten wir in der evangelischen Kirche. Ein bisschen Schmu in der Kirche? Das konnten wir natürlich nicht einfach so stehen lassen – oder vielleicht gerade doch. Herzlichen Dank an Pfarrerin Johanna van Oorschot, die mitgemacht und uns die Kirchentüren geöffnet hat!

Und weil wir schon einmal da waren, kam gleich noch eine ordentliche Portion Chuzpe dazu. „Was für eine Chuzpe!“ bedeutet ungefähr: Was für eine Frechheit – die oder der traut sich aber was! Einen frechen jiddischen Spruch mitten in die Kirche zu stellen, dafür brauchten auch wir ein kleines bisschen Chuzpe. Zum Abschluss wurde „Ganze Woche hart malocht“ plötzlich lebendig. Denn auf einmal tauchte Sidonie Hermann auf. Gemeinsam mit ihr reisten wir zurück ins Frühjahr 1938. Wir erfuhren, wie sie damals lebte, wer in ihrem Wohnhaus ein und aus ging und wie sich das Leben in Freudental kurz vor den Novemberpogromen veränderte. Aus einem Haus und einem Namen wurde so die Geschichte eines Menschen.        

Und Sidonie Hermann wird uns wiederbegegnen: Ab Frühjahr 2027 ist unser neuer Theaterspaziergang „ADOLF MUSS WEG“ in Freudental zu erleben. Auch dort wird Sidonie eine Rolle spielen und die Geschichte des Ortes auf ganz besondere Weise vorstellen.

Nach zwei Tagen voller Geschichten, Entdeckungen, Tacheles, Schmu, Chuzpe und ziemlich viel Freudental bleibt vor allem eines: Geschichte steckt nicht nur in Büchern. Manchmal wartet sie direkt vor der Haustür – man muss nur losgehen und nach ihr suchen.

Text: Rebecca Volk, Fotos: Florian Hatzlhoffer